Elf durchsuchte Objekte, mehr als 100 Einsatzkräfte und ein Haftbefehl: Bei einer Razzia im Rhein-Main-Gebiet gehen Ermittler gegen mutmaßlich illegales Online-Glücksspiel vor. Im Mittelpunkt stehen fünf Beschuldigte und Spieleinsätze von rund 5,86 Milliarden Euro, die über betroffene Plattformen von Juli 2021 bis Ende 2023 abgewickelt worden sein sollen. Die Summe bezeichnet Spieleinsätze – nicht den Umsatz oder Gewinn der Verdächtigen.
Die Durchsuchungen begannen am 8. September 2026 und betrafen Wohnungen und Geschäftsräume in Frankfurt, dem Umland und Köln. Die Staatsanwaltschaft Frankfurt wirft den Beschuldigten vor, seit mindestens Juli 2021 gewerbsmäßig und bandenmäßig unerlaubtes Online-Glücksspiel angeboten zu haben. Für alle Verdächtigen gilt bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung die Unschuldsvermutung.
Ermittler nehmen auch die Infrastruktur ins Visier
Der Fall reicht über einzelne Casino-Websites hinaus. Die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder (GGL) unterstützt Staatsanwaltschaften nach eigenen Angaben unter anderem mit Erkenntnissen aus Payment-Blocking, Netzsperren und Maßnahmen gegen die Bewerbung illegaler Angebote. Auch technische und organisatorische Strukturen der Betreiber können in Ermittlungen einfließen.
Beim DACHL-Treffen am 9. und 10. September in Bern vereinbarten die Aufsichtsbehörden aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein eine engere Zusammenarbeit gegen grenzüberschreitende illegale Strukturen. Neben Betreibern können dabei Spielestudios, Aggregatoren, Plattformbetreiber und technische Dienstleister eine Rolle spielen. Der Blick auf den deutschen Regulierungsrahmen macht deutlich, weshalb die Abgrenzung zwischen zugelassenen und unerlaubten Angeboten für die Aufsicht zentral ist.
82 Millionen Euro an Vermögenswerten gesichert
Für 2024 gehen die Ermittler von einem mutmaßlichen Steuerschaden in Höhe von 77,6 Millionen Euro aus. Zudem wurden Vermögenswerte von rund 82 Millionen Euro gesichert, darunter Kontoguthaben und hochwertige Fahrzeuge. Diese Beträge sind Teil der laufenden Ermittlungen und keine gerichtliche Feststellung.
Auch die Vollzugsbilanz der GGL zeigt den Umfang ihrer Arbeit: Seit dem Start prüfte die Behörde rund 6.300 Websites mit Verdacht auf unerlaubtes Glücksspiel oder entsprechende Werbung und leitete etwa 700 Untersagungsverfahren ein. Ende 2025 waren 1.843 illegale Websites durch Untersagungen oder Netzsperren aus Deutschland nicht mehr erreichbar; sie wurden 254 Anbietern zugeordnet. Bei weiteren 178 Websites war kein Zahlungsverkehr über gängige Anbieter möglich. Der legale Anteil des deutschen Online-Glücksspielmarktes lag laut einer in der Bilanz genannten Studie bei rund 77 Prozent.
Am 22. September verwies die GGL darauf, dass sich Geschäftsmodelle und technische Strukturen schneller verändern als der regulatorische Rahmen. Die Debatte über Kontrollsysteme wie LUGAS und weitere Maßnahmen gegen illegale Angebote, wie sie auch Baden-Württemberg plant, fügt sich in diesen Vollzugskurs ein.
Forderungen nach schärferem Vorgehen
Am 27. September forderten die Gewerkschaft der Polizei und die Deutsche Automatenwirtschaft eine bessere Vernetzung der Behörden, moderne Überwachungstechnologien und eine Beweislastumkehr bei unklarer Vermögensherkunft. Die beteiligten Organisationen schätzen die Zahl illegal aufgestellter Glücksspielautomaten auf 60.000 bis mehr als 100.000 – eine Angabe, die nicht allein Online-Casinos betrifft.
Für lizenzierte Betreiber ändern sich zunächst die geltenden Bedingungen nicht. Der Fall zeigt jedoch, dass Netzsperren, Payment-Blocking, Werbeverbote und strafrechtliche Ermittlungen stärker zusammenspielen sollen. Im Fokus stehen damit zunehmend nicht nur wechselnde Domains, sondern die Strukturen, die illegale Glücksspielangebote ermöglichen.