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Wie 42 verschwundene Millionen und ein Casino-Skandal die EU erschütterten – der Fall Stepukonis

Ein Fondsmanager sitzt vor einem Computermonitor in einem modernen Büro mit ernster, leicht besorgter Miene.

Auf den ersten Blick wirkte Fondsmanager Šarūnas Stepukonis wie ein Ausnahmetalent in der Finanzwelt– jung, ehrgeizig und außerordentlich erfolgreich.

Mit nur 23 Jahren begann er bei BaltCap zu arbeiten, einem der größten Private-Equity-Investoren im Baltikum, und seine Karriere entwickelte sich in großen Sprüngen.

Nicht nur war ein ein unheimlich talentierter Fondsverwalter, der laufend gute Resultate zeigte und zu den besten in seinem Team gehörte – er glänzte in verschiedenen Lebensbereichen:

Der begabte Sportler nahm an internationalen Ruderwettbewerben teil und engagierte sich persönlich für die Ukraine. Wer ihm begegnete, sah keinen Mann, der vor einem finanziellen Abgrund stand.

Dann begann das perfekte Bild plötzlich Risse zu bekommen.

Geld, das in wichtige nationenübergreifende Projekte geflossen war, begann plötzlich zu verschwinden. Es ging nicht um ein paar Tausend Euro, die heimlich auf ein privates Konto überwiesen worden waren. Es ging um Millionen. Am Ende standen rund 42 Millionen Euro im Raum – Geld aus Unternehmen, die mit einem von BaltCap verwalteten Infrastruktur-Fonds verbunden waren, sowie einem in der EU hoch angesehenen Umweltprojekt, das teilweise mit den Steuergeldern von EU-Bürgern finanziert worden war.

Und ein erheblicher Teil dieser Summe soll Stepukonis in Casinos verspielt haben.

Ein Computermonitor zeigt Finanzdaten, während ein Fondsmanager Zahlen und Statistiken prüft.
Bild von Jakub Żerdzicki auf Unsplash

Der Aufstieg

Als Šarūnas Stepukonis 2011 zu BaltCap kam, war er gerade 23 Jahre alt. In nur kurzer Zeit machte er Karriere.

2017 übernahm er die Leitung des BaltCap Infrastructure Fund. Der Fonds sollte rund 80 Millionen Euro in Infrastrukturprojekte im Baltikum investieren, unter anderem in Wind- und Solarenergie.

Es war ein Projekt, das hervorragend in die politische und wirtschaftliche Landschaft der Region passte.

Die Europäische Investitionsbank stellte 20 Millionen Euro bereit, weitere 20 Millionen kamen von der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Dazu kamen institutionelle Anleger wie Pensionsfonds aus den baltischen Staaten und nordische Finanzinstitutionen.

Stepukonis präsentierte den Fonds damals als Beispiel dafür, wie heimisches Kapital für die Entwicklung der Region eingesetzt werden könne.

Niemand schien zu ahnen, dass innerhalb dieses Systems Jahre später ein Loch in zweistelliger Millionenhöhe entdeckt werden würde. Im Gegenteil: Er wurde von hochrangigen Personen in der EU und im Finanzsektor immer wieder für seine Initiativen und sein Engagement gelobt.

Ein zweites Leben

Stepukonis führte kein Luxus-Leben, das irgendwie Misstrauen erregte.

Er fuhr nicht demonstrativ die teuersten Autos. Er besaß keine auffälligen Villen. Nach außen wirkte er nicht wie jemand, der Millionen verbrannte.

Doch gleichzeitig entwickelte sich ein anderes Leben – eines, das sich hinter den Kulissen abspielte.

Stepukonis liebte das Risiko und begann, viel Geld in riskante Finanzgeschäfte abzuzweigen. Nach den späteren Ermittlungen soll er ab 2018 begonnen haben, Gelder aus den Unternehmen abzuzweigen, die mit dem Fonds verbunden waren. Einen bedeutenden Teil spielte er auch in Casinos.

Der Freund und Kunde, den man behalten wollte

In den Spielbanken im Baltikum wurde Stepukonis zu einem wichtigen Kunden. Nach den späteren Untersuchungen soll er allein im Jahr 2022 fast 30 Millionen Euro verspielt haben.

Der größte Teil entfiel auf Tischspiele. Weitere Millionen gingen an Spielautomaten und Sportwetten, hinzu kamen Poker und andere Glücksspiele.

Für einen Casino-Betreiber ist ein Kunde, der solche Summen bewegt, ein sogenannter High Roller, der als VIP behandelt wird. Und Stepukonis bekam offenbar genau diese besondere Behandlung.

Diese Sonderbehandlung brachte ihm diverse Vorteile ein: Corey Plummer, der damalige Chef der Casino-Gruppe Olympic Entertainment, baute sogar eine persönliche Beziehung zu dem Großspieler auf. Er lud Stepukonis zu Sportveranstaltungen ein – unter anderem zu Fußballspielen von Juventus, zum Ryder Cup in Rom und zu NBA-Spielen in Abu Dhabi.

Während die Verluste immer größer wurden, wuchs auch die Aufmerksamkeit, die man ihm schenkte. Später sollte genau das zu einer der zentralen Fragen des Falls werden: Warum hatte niemand eingegriffen?

Das Glücksspiel-Bonuspaket

Die litauische Glücksspielaufsicht kam schließlich zu einem ernüchternden Ergebnis. Statt Stepukonis‘ Spielverhalten zu hinterfragen oder die Behörden einzuschalten, wurde er zum Weiterspielen ermutigt.

Für ihn soll demnach sogar ein eigenes Bonuspaket zusammengestellt worden sein. Dafür waren 1,3 Millionen Euro vorgesehen – Geld, das ausschließlich zum Glücksspiel verwendet werden konnte.

Die Glücksspielaufsicht verhängte 2025 eine Strafe von 8,4 Millionen Euro gegen die Casino-Gruppe. Für BaltCap war das aber nur ein Teil des Problems. Denn irgendwo musste das Geld hergekommen sein.

Die ersten Risse

Im Herbst 2023 begann das Kartenhaus einzustürzen. BaltCap erklärte später, erst zu diesem Zeitpunkt von verdächtigen Transaktionen erfahren zu haben. Hinweise führten zu Unternehmen, die durch den Fonds finanziert worden waren.

Eine Untersuchung begann. Dabei stießen die Ermittler auf ein Muster, das sich über mehrere Jahre erstreckte.

In einem Fall zog der gebürtige litauische Private-Equity-Fondsmanager mithilfe gefälschter Dokumente rund 390.000 Euro aus einem Unternehmen ab, das an einem Windparkprojekt in Litauen beteiligt war.

Das Geld soll anschließend für hochriskante Derivategeschäfte verwendet worden sein.

Auch in Polen soll er mehr als fünf Millionen Euro abgezweigt haben.

Doch diese Summen waren nur einzelne Teile des Gesamtbildes. Die Ermittler kamen schließlich auf die wesentlich größere Zahl von rund 42 Millionen Euro.

Ein Warnsignal, das nicht ausreichte

Besonders unangenehm ist für die beteiligten Institutionen eine Frage, die bis heute nicht vollständig beantwortet ist:

Hätte der Betrug früher auffallen können?

Ein Zahlungsdienstleister hatte die litauischen Behörden bereits 2022 auf eine verdächtige Überweisung von 3,9 Millionen Euro aufmerksam gemacht.

Das Geld stammte von einem polnischen Unternehmen und war an Stepukonis geflossen.

Doch seine Erklärung wurde akzeptiert. Er habe das Geld durch den Verkauf von Unternehmensanteilen erhalten, hieß es.

Die Untersuchung wurde beendet. Später sollte sich herausstellen, dass dies möglicherweise eine der entscheidenden verpassten Gelegenheiten gewesen war. Nicht nur das. In seinen E-Mails wurden später zahlreiche erfundene Geschichten und Lügen entdeckt, mit denen sich Stepukonis eine Scheinwelt aufgebaut hatte.

Das Geld des Fonds

Nach den Angaben von BaltCap befanden sich die Unregelmäßigkeiten nicht direkt im Infrastruktur-Fonds selbst.

Die Transaktionen sollen vielmehr über Beteiligungsunternehmen und deren Tochtergesellschaften in Litauen und Polen gelaufen sein.

Das machte den Fall komplizierter.

Denn der Fonds war mit großen Summen institutioneller Anleger ausgestattet. Gleichzeitig wurden die tatsächlichen Bewegungen des Geldes auf Ebene einzelner Unternehmen abgewickelt.

Nach Darstellung von BaltCap soll Stepukonis zunächst Gewinne aus den Projekten genutzt haben. Später kamen Bankkredite hinzu. Schließlich soll auch eigenes Fondsvermögen betroffen gewesen sein.

Währenddessen lief das Geschäft weiter.

BaltCap kündigte sogar einen zweiten Infrastruktur-Fonds an – diesmal mit einem Volumen von rund 200 Millionen Euro. Ein großer europäischer Investor war erneut beteiligt. Dann wurde der Betrug öffentlich.

Europa schaut genauer hin

Der Fall war längst nicht mehr nur eine Angelegenheit zwischen einem Fondsmanager, seinem Arbeitgeber und einigen Casinos.

Denn europäische Institutionen hatten erhebliche Summen in den ursprünglichen Fonds investiert.

Die Europäische Investitionsbank erklärte später, dass die Europäische Investitionsfonds-Gesellschaft ihre Zusagen für den neuen Fonds zu einem Zeitpunkt gemacht habe, als der Verdacht auf die Veruntreuung noch nicht bekannt gewesen sei.

Nachdem die Unregelmäßigkeiten bekannt wurden, zog sich der Europäische Investitionsfonds weitgehend aus den noch offenen Verpflichtungen zurück.

Die EIB erklärte außerdem, sie habe den Fall an die Europäische Staatsanwaltschaft und an OLAF, die EU-Betrugsbekämpfungsbehörde, gemeldet.

Damit war aus einem mutmaßlichen Betrug innerhalb eines Investmentfonds ein Fall mit europäischer Dimension geworden.

Wer hätte es sehen müssen?

Ein ehemaliger hochrangiger EIB-Mitarbeiter sagte gegenüber Follow the Money, dass Investoren zwar regelmäßige Treffen und Bewertungen durchführen, ihre Kontrolle aber nicht automatisch bis in die täglichen Geschäfte jeder einzelnen Beteiligungsgesellschaft reicht.

Wo genau die Grenze zwischen angemessener Kontrolle und zu wenig Kontrolle lag, wird vermutlich erst vollständig klar werden, wenn die Ermittlungen abgeschlossen sind.

BaltCap hat inzwischen erklärt, Verantwortung für die Verluste der Anleger übernehmen und sie entschädigen zu wollen.

Der Zusammenbruch

Für Stepukonis selbst endete die Geschichte zunächst mit seiner Festnahme.

Im Februar 2024 wurde er in Vilnius auf Antrag der Europäischen Staatsanwaltschaft festgenommen.

Einen Monat später kam er unter Auflagen wieder frei und wurde zunächst elektronisch überwacht. Im Dezember 2025 wurde die Überwachung aufgehoben.

Doch Stepukonis musste sich weiterhin regelmäßig bei der Polizei melden. Als er dies wiederholt nicht tat, wurde er im April erneut festgenommen.

Seither sitzt er wieder in Untersuchungshaft und die Ermittlungen laufen weiter.

Die Rechnung ist noch nicht bezahlt

Auch finanziell ist die Geschichte längst nicht abgeschlossen.

Unternehmen aus dem BaltCap-Portfolio fordern nach Angaben des Berichts erhebliche Schadensersatzsummen – sowohl von Stepukonis als auch von den beteiligten Glücksspielunternehmen und anderen Parteien.

Litauische Gerichte haben Vermögenswerte von Stepukonis im Wert von rund 16 Millionen Euro beschlagnahmt. Auch Vermögen der Olympic-Gruppe im Wert von mehr als 30 Millionen Euro wurde eingefroren.

Das bedeutet allerdings noch nicht, dass diese Beträge am Ende tatsächlich an die Geschädigten fließen werden. Dafür müssen zunächst die strafrechtlichen und zivilrechtlichen Verfahren abgeschlossen werden.

Jas Jasarevic

Jas Jasarevic iGaming Experte

Jas ist ein ausgewiesener Experte im Bereich Casino, Poker, Sportwetten und iGaming. Mit tiefem Verständnis für Spiele, Strategien und Bonusangebote analysiert er seit mehr als 10 Jahren Trends und teilt seine Erfahrungen in klaren, praxisnahen Beiträgen. Seine Leidenschaft für faire Spielbedingungen und innovative Anbieter macht ihn zu einer verlässlichen Stimme in der Branche.

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