Es ist kein Geheimnis, dass auf der Rennbahn viel Geld im Umlauf ist. Doch kaum jemandem weiß dies besser als Bill Benter – ein Mann, dem es gelang, ein Vermögen an Pferderennen zu verdienen. Bill Benter schrieb Geschichte, als er mit Pferdewetten fast eine Milliarde Dollar einnahm.
Kein typischer Rennbahnbesucher
Dabei entspricht Benter nicht dem typischen Profil eines durchschnittlichen Besuchers auf der Rennbahn. Im Gegensatz zu vielen anderen, die seine Leidenschaft teilen, ist der introvertierte und medienscheue gebürtige Amerikaner aus Pennsylvania ein brillanter Mathematiker und Informatiker.
Man könnte meinen, dass Geldverdienen für einen Mann mit solch einzigartigen Fähigkeiten kein Problem wäre – und damit hätte man recht. Noch heute erklärt der 69-Jährige gerne und offen, dass er in der Finanzbranche sicher noch wohlhabender geworden wäre. Doch es motivierte ihn die Herausforderung, die der Pferderennsport bot.
Der Traum von Las Vegas und Kartenzählen
Nach der Highschool studierte er Physik an der Universität. Im Alter von 22 Jahren brach er das Studium ab und reiste nach Las Vegas, um Karten zu spielen. Seine Motivation war ein Buch mit dem Titel Beat the Dealer, geschrieben von Edward Thorpe – dem Mann, dem das heute als Kartenzählen bekannte Verfahren weitgehend zugeschrieben wird.
Mit 10.000 Dollar in der Unterwäsche vorbei an der Flughafen-Sicherheitskontrolle
Im Jahr 1980, als er Mitte 30 war, änderte sich alles für Benter: Freunde stellten ihm Alan Woods vor und seine Laufbahn als Kartenzähler nahm eine völlig neue Wendung. Er erfuhr, dass der in Australien geborene Woods ein eigenes Team leitete, das auf das Kartenzählen spezialisiert war und erst vor kurzem in Las Vegas angekommen war. Beeindruckt von Woods’ Furchtlosigkeit – nachdem er erfahren hatte, dass sich dieser auf den Philippinen mit 10.000 Dollar, die er in seiner Unterwäsche versteckt hatte, an der Flughafensicherheit vorbeigeschlichen hatte –, wurden die beiden Freunde.
Am meisten beeindruckte jedoch die Disziplin, die er beim Kartenzählen an den Tag legte, und die Art und Weise, wie sein Team das Geld zusammenlegte und die Gewinne gleichmäßig aufteilte. Bald darauf schloss sich Benter Woods’ Team an.
Das „Griffin-Buch“ listet Namen bekannter Kartenzähler
Mittlerweile betrugen Benters Einnahmen etwa 80.000 Dollar pro Jahr und er hatte kein Interesse mehr daran, an die Universität zurückzukehren. Als 1984 jedoch das „Griffin-Buch“ erschien, eine schwarze Liste mit den Namen mehrerer Kartenzähler, machte es ihm einen Strich durch die Rechnung.
Obwohl das gedankliche Zählen von Spielkarten nicht illegal war, behielten sich Casinos das Recht vor, Personen, die Karten zählten, den Zutritt zu verweigern. Zu ihrem großen Unglück tauchten die Namen von Bill Benter, Alan Woods und dem gesamten Team im Buch auf, und es blieb ihnen nichts anderes übrig, als Las Vegas zu verlassen.
Neues Glück im Hong Kong Jockey Club
Auf Anraten von Woods suchten Benter und der Rest des Teams ihr Glück in Hongkong. Der 1884 gegründete Hong Kong Jockey Club war ursprünglich ein Ort für britische Oberschichtangehörige, die sich ein Stück Heimat wünschten, und entwickelte sich schließlich zum staatlichen Glücksspielmonopol. Obwohl Hongkong zu dieser Zeit rund 5,5 Millionen Einwohner zählte, wurden in der Stadt mehr Pferdewetten abgegeben als von der gesamten Bevölkerung der Vereinigten Staaten.
Entwicklung eines mathematischen Wettmodells
Nach seiner Ankunft in Hongkong begann Benter gemeinsam mit seinem Partner Alan Woods, Tausende historische Pferderennen auszuwerten. Sie analysierten unter anderem die frühere Leistungen der Pferde, Jockey-Statistiken, Trainer-Erfolge, Startpositionen, Streckenlänge, Bodenverhältnisse, Gewicht des Pferdes, die Rennklasse und die Wettquoten kurz vor Rennbeginn.
Aus diesen Daten entwickelte Benter ein statistisches Modell, das für jedes Pferd eine objektive Gewinnwahrscheinlichkeit berechnete.
Bill Benter erkannte, dass Pferdewetten ähnliche Eigenschaften wie Finanzmärkte besitzen: Die Quoten spiegeln die Meinung der Wettenden wider, sind aber nicht immer effizient. Genau diese Ineffizienzen wollte er finden.
Der entscheidende Vorteil
Das Modell verglich die berechnete Gewinnwahrscheinlichkeit mit den aktuellen Wettquoten.
Hier ein Beispiel: Das Modell berechnet, dass Pferd A mit 30 % Wahrscheinlichkeit gewinnt. Die Buchmacher- bzw. Marktquote entspricht aber nur 20 %. Das Pferd ist aus Sicht des Modells also unterbewertet – eine sogenannte Value Bet. Nur wenn genügend positiver Erwartungswert vorhanden war, platzierte das System eine Wette.
Ständige Verbesserung
Benter behandelte sein Modell wie ein lernendes Forschungsprojekt. Nach jedem Renntag wurden neue Renndaten eingepflegt, Prognosen mit den tatsächlichen Ergebnissen verglichen, Gewichtungen einzelner Faktoren angepasst und neue statistische Methoden getestet.
Über viele Jahre wurde das Modell dadurch immer präziser. Während viele Wetter noch manuell arbeiteten, nutzte Benter leistungsfähige Computer, um Millionen von Berechnungen durchzuführen.
Kurz vor Wettschluss wurden im PC die neuesten Quoten eingelesen, alle Wahrscheinlichkeiten neu berechnet und automatisch Tausende Wettentscheidungen getroffen. Dadurch konnte das Team selbst kleinste Marktfehler ausnutzen.
Risikomanagement
Ein weiterer Erfolgsfaktor war das konsequente Bankroll-Management. Benter setzte nie beliebige Beträge, sondern verwendete mathematische Methoden – unter anderem das Kelly-Kriterium –, um die optimale Einsatzhöhe zu bestimmen. So wurde das Kapital langfristig möglichst effizient eingesetzt und gleichzeitig das Risiko kontrolliert.
Der Hong Kong Jockey Club bot ideale Voraussetzungen: sehr hohe Wettumsätze, extrem liquide Wettmärkte, umfangreiche historische Daten, ein transparentes und gut reguliertes Wettsystem. Hohe Wettvolumen bedeuteten zudem, dass auch große Einsätze den Markt kaum beeinflussten.
Der finanzielle Erfolg
Ab den frühen 1990er-Jahren erzielte Benters Team regelmässig enorme Gewinne. Schätzungen zufolge setzte sein Unternehmen jährlich Hunderte Millionen US-Dollar um und erzielte über viele Jahre hinweg Gewinne in zweistelliger Millionenhöhe pro Saison. Über seine gesamte Karriere wird sein Vermögen häufig auf mehrere Hundert Millionen bis über eine Milliarde US-Dollar geschätzt, wobei genaue Zahlen nicht öffentlich bekannt sind.
Das Erfolgsgeheimnis
Bill Benters Erfolg beruhte auf vier zentralen Prinzipien: Zum einen auf datengestützte Entscheidungen statt Bauchgefühl, statistische Modelle, die Gewinnwahrscheinlichkeiten möglichst genau berechnen, und außerdem Value Betting, also nur Wetten mit positivem Erwartungswert, sowie diszipliniertes Risikomanagement und kontinuierliche Verbesserung der Modelle.
Sein Ansatz gilt bis heute als eines der bekanntesten Beispiele dafür, wie Data Science, Wahrscheinlichkeitsrechnung und künstliche Intelligenz genutzt werden können, um Informationsvorteile in Wettmärkten systematisch auszuschöpfen.